Alles Bio? Alles Schmäh?
Grüne “Kaffeehaus-Diskussion” in Graz endete mit klaren Aufforderungen an die Politik.

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"Kaffeehaus-Diskussion" der Grünen in Graz


(Foto: ORF/Schumann)

Gäste: Clemens G. Arvay, Toni Knittel (Bluatschink), Felizitas Wester, Manuel Horeth.

Bioschmäh-Debatte Teil 3: Besuch im Bioladen

im Gespräch: Rupert Matzer, Gründer des ältesten Bioladens Österreichs

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> weitere Videobeiträge zur Bioschmäh-Debatte

„Im Bio-Markt wird das Vertrauen der Konsumenten ausgenutzt“

> zum Beitrag auf MediaNet.at

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Gedanken zum Buch von Clemens G. Arvay,
„Der große Bioschmäh
Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“

Dr. Michael Groier
Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 

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Allgemeines

Als ich das Buch in der Hand hielt und den Titel las, dachte ich mir: “Schon wieder so ein reißerisches Pamphlet gegen den Biolandbau”, deren es ja einige gibt. Im Zuge meiner jahrelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der biologischen Landwirtschaft und im Speziellen mit der Problematik der Konventionalisierung des Biosektors kamen mir beim Literaturstudium neben kritisch-fundierten auch etliche Bücher und Artikel unter, die sich undifferenziert fundmental gegen diesen mittlerweile aus seinem Marktnischendasein herausgetretene Bereich der Landwirtschaft und der Lebensmittelwirtschaft richteten. Der Biosektor wurde darin in Bausch und Bogen als esoterisches Hirngespinst, also romantische Naturprojektion von unwissenden städtischen KonsumentInnen diffamiert. Positive ökologische Leistungen gegenüber der konventionellen Landwirtschaft wurden ihm weitgehend abgesprochen.

Andererseits gibt es seit über 10 Jahren eine Fülle seriöser wissenschaftlicher Literatur, die sich mit den negativen Auswirkungen der seit Anfang der 1990er Jahren beginnenden Integration des Biolandbaues in die Strukturen des konventionellen Lebensmittelmarktes beschäftigen.

Während die offizielle Agrarpolitik und auch die Interessensvertretung der BiobäuerInnen die hohe Umstellungsdynamik, den hohen Anteil der Biolandwirtschaft (Österreich als „Bioland Nr. 1“) sowie den dynamisch wachsenden Biomarkt lautstark akklamieren, mahnten kritische WissenschaftlerInnen im In – und Ausland vor den Problemen und Gefahren, die sich aus diesem Transformationsprozess ergaben bzw. ergeben.

Entsprechend der Logik der konventionellen Lebensmittelmärkte (Profit, Verdrängungswettbewerb, Konzentration) haben sich ab Mitte der 1990er Jahre vor allem 3 große Lebensmittelketten den Biomarkt aufgeteilt. Es ist zu dieser Zeit versäumt worden, für die wachsenden Produktionsmengen neben der dominanten Supermarktschiene auch lokale und regionale Vermarktungskanäle aufzubauen. Auf den Lebensmitteleinzelhandel, der von den drei  großen Handelsketten REWE/Billa, Hofer und Spar dominiert wird, entfielen 2010 68 % (758 Mio. €) der gesamten Bioumsätze. Diese Oligopol-artige Marktmacht übt über niedrige Produzentenpreise, spezielle Produkt- und Lieferanforderungen Druck auf die BiobäuerInnen aus, die als VertragslandwirtInnen dadurch ihrerseits einem Rationalisierungsdruck ausgesetzt sind, der sie zu Spezialisierung, Rationalisierung und Intensivierung ihrer Betriebe zwingt.

Genau wegen dieser Veränderungsprozesse sind Konventionalisierungsentwicklungen innerhalb des Biosektors festzustellen: also Anpassungs- und Angleichungseffekte, der biologischen Landwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette wie Produktion, Verarbeitung und Vermarktung. Der Rationalisierungsdruck betrifft aber nicht nur die Produktion, sondern unterwirft einen Großteil der Verarbeitung und Vermarktung industriellen Strukturen und Zwängen.

Diese Erkenntnisse sind wissenschaftliche Fakten, mit denen sich der gesamte Biosektor und dessen AkteurInnen seriös auseinandersetzen müssen, soll der Biomarkt und Bioprodukte für die KonsumentInnen langfristig attraktiv bleiben.

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Zum Inhalt des Buches

Auch wenn der Titel für manche etwas abschrecken formuliert und journalistischen Anforderungen geschuldet ist, so basiert dieses spannend geschriebene Sachbuch auf seriösen, dem investigativen Journalismus verpflichteten Recherchen. Objekt dieser kritischen Analysen ist dabei nicht die Biolandwirtschaft bzw. der Biosektor an und für sich, sondern speziell der Biomassenmarkt, der von den dominanten Lebensmittelkonzernen beherrscht und kontrolliert wird. Das Buch beschreibt jene Strukturen, Problembereiche und Fehlentwicklungen, die sich aus der Transformation der Biolandwirtschaft aus einer Marktnische mit einem in sich weitgehend geschlossenen Biomarkt hin zu einem integralen Teil der industriellen Lebensmittelproduktion ergeben.
Massentierhaltung und industrielle Verarbeitung und Vermarktung haben auch im Biolandbau Einzug gehalten, werden aber durch die Vermarktungs- und Bewerbungspraktiken der Supermarktketten verschleiert und romantisiert. Untersuchungsschwerpunkte stellen dabei die Sektoren Eier- und Hühnerfleischproduktion, die Praxis in der Biorinderhaltung sowie die Bio-Brot Wertschöpfungskette dar.

Genau diese werbetechnische Verschleierungsstrategie arbeitet der Autor sehr plastisch heraus. Nämlich die Diskrepanz zwischen der Realität und den „Guten Geschichten“, die den nicht informierten KonsumentInnen eine heile Biowelt mit glücklichen Tieren, ökologisch intakten Wiesen und Feldern und handwerklich dominierten Verarbeitungspraktiken vorspielt. In der Realität sind die Schlachthöfe, Molkereien und anderen Verarbeitungsbetriebe und –prozesse die gleichen wie im konventionell-industriellen Bereich. Nur dass Biorohstoffe mit weniger Zusatzstoffen verarbeitet werden.

Im Schlussteil beschäftigt sich der Autor mit alternativen zum Bio-Massenmarkt, mit Modellen und Konzepten einer dezentralen, einer ökologischen, ökonomischen und in sozialer Hinsicht nachhaltigen und vor allem den VerbraucherInnen nahe stehenden Bio-Lebensmittelproduktion und –vermarktung.  Zu erwähnen wären diesbezüglich zum Beispiel Bio-Kooperativen oder die interessanten Modelle der sogenannten Community Supportet Agriculture (CSA), wo eine Gruppe von Konsumentinnen einem landwirtschaftlichen Betrieb jährlich die finanziellen Mittel für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung stellt und dadurch bezüglich der Produktpalette und Produktqualität Mitspracherecht hat. So sind die Vertriebswege direkt und kurz, und sowohl Produzentinnen als auch KonsumentInnen profitieren einerseits durch die Planungssicherheit und anderseits durch faire Preise und hohe Produktqualität.

Wir brauchen also in Zukunft eine Biolandwirtschaft und einen Biomarkt, welche:

  • die zentralen Werte und Ziele des Biologischen Landbaues (siehe IFOAM) nicht auf reine Produktionsrichtlinien beschränken, sondern vermehrt wieder ökologische, aber auch soziale und ethische Aspekten berücksichtigen,
  • den kommenden Herausforderungen entsprechend dezentrale, möglichst direkte und faire Austauschbeziehungen zwischen Bäuerinnen und KonsumentInnen fördern und massiv ausbauen,
  • mittels Druck informierter KonsumentInnen (KonsumentInnenlobbies) auch im Bereich des Bio-Massenmarktes (große Supermarktketten) realitätsnahe Information statt KundInnentäuschung einfordern und auch über eine Änderung der Preispolitik (Beispiel „Faire Milch“) zu einer Verbesserung der Fehlentwicklungen führen.

Das vorliegende Buch stellt einen wichtigen Beitrag zum Beginn einer notwendigen, breiteren und konstruktiven Diskussion über Konventionalisierungserscheinungen im Bereich des Biolandbaus und des Biomarktes und deren Zukunft dar.
Die vom Autor vorgebrachten Kritikpunkte sollten von den Betroffenen also nicht affektiv abgelehnt oder gar denunziert werden, sondern ernst genommen und in Zukunftskonzepte eingebaut werden.

Es geht schließlich darum, das Innovationspotential, das immer noch im Biolandbau steckt, in einer den neuen Herausforderungen (Klimawandel, Energie-, Umwelt- und Biodiversitätskrise, steigende Armut und Entsolidarisierung der Gesellschaft) angepassten Form zu bewahren und weiter zu entwickeln.

Dr. Michael Groier

Dr. Michael Groier, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

Über Dr. Michael Groier,
Autor dieser Stellungnahme:

Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, forsche seit Jahren im Bereich des biologischen Landbaues und arbeite derzeit an einem Forschungsprojekt, welches sich mit Konventionalisierungsentwicklungen in der Biolandwirtschaft und im Biomarkt beschäftigt. Die Zukunft dieses Sektors ist für mich nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern mir auch privat ein echtes Anliegen.

Dr. Michael Groier

Wien, Februar 2012

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Bio-Austria 2008:

„Konventionalisierung – die Schattenseite des Bio-Booms“

In der Stellungnahme von Bio-Austria zu dem Buch „Der große Bio-Schmäh – wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“ wird mir als Autor des Buches vorgeworfen, den Begriff der Konventionalisierung des Ökolandbaus zu benutzen. Dies sei kontraproduktiv.

Offenbar wünscht man sich bei Bio-Austria, die bereits seit Jahren unter WissenschaftlerInnen debattierten Probleme rund um die ökologische Landwirtschaft (und deren Annäherung an die industrielle) bloß nicht öffentlich anzusprechen. Das verwundert, denn…

… bei Bio-Austria scheint man sich der Problematik selbst durchaus bewusst zu sein.

Bereits am 28. Jänner 2008 hieß es im Rahmen der Bauerntage von Bio-Austria:

Konventionalisierung – die Schattenseite des Bio-Booms

In diesem Beitrag wurden dieselben Probleme thematisiert, die in meinem Buch angesprochen werden. Und es werden ganz ähnliche Forderungen gestellt und Lösungswege skizziert, wie sie auch im Buch zu finden sind.

Außen hui, innen pfui?

Die Frage lautet also: Wieso sollte man die Problematik der Konventionalisierung des Ökolandbaus denn nicht öffentlich thematisieren? Und warum sollten die Konsumentinnen und Konsumenten nicht auch das Recht auf Transparenz und Information haben? Immerhin sind es ja ihre Erwartungen, ist es ihr Geld, auf die es so mancher Konzern mit seiner Bio-Linie abgezielt hat.

Quellen

Hier eine Sammlung von wissenschaftlichen Unterlagen, die sich mit der Konventionalisierung der Biolandwirtschaft beschäftigen.

Konventionalisierung – die Schattenseite des Bio-Booms
(Beitrag im Rahmen der Bauerntage 2008 von Bio Austria)

Konventionalisierung im Biolandbau – Gefahren und Auswege

Was bedeutet eigentlich “moderne Biolandwirtschaft”?

Bio-Hühnermast für österreichische Supermarkt- und Diskontkonzerne

Bio-Hühnermast für österreichische Supermarkt- und Diskontkonzerne

Der Begriff der “modernen Landwirtschaft”, an der man sich zu orientieren habe, taucht immer wieder auf. Doch steht ein ganzheitlich verstandener Ökolandbau der Modernisierung tatsächlich entgegen? Muss das “Moderne” ausgerechnet in einer Konventionalisierung bestehen, in einer industriellen Ökolandwirtschaft als Nebenschauplatz des konventionellen Marktes?

Fortschritt

Oder kann man den Begriff “Fortschritt” auch anders verstehen? Etwa in einer “Neugründung” der Landwirtschaft auf Basis moderner ökologischer und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse anstatt in der Assimilerung der zukunftsweisenden Alternativen durch das Konventionelle?

Landbau der Zukunft

Zukunftsfähig sind die Reaktivierung und der Ausbau eines dezentralen, effizienten Produktions- und Vermarktungsnetzwerkes, in dem regionale Strukturen wieder zum Tragen kommen. So weit möglich, sind die Marktwege zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen zu verkürzen. Aus der Ökologie wissen wir: Dezentrale, vielfältige Systeme sind krisensicherer, nachhaltiger und effizienter. Der Trend muss in diese Richtung gelenkt werden.

Orientierung an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen

Daneben wird der Begriff der „angepassten Technologie“ eine große Rolle im Ökolandbau der Zukunft spielen. Dieser Begriff ist ein zentrales Konzept der modernen Humanökologie. Wichtig ist auch, zu wissen, dass beispielsweise vielfältige Mischkultursysteme ertragreicher sind als industrielle Monokulturen, egal ob diese biologisch oder konventionell sind. Auch brauchen wir ein System, das nicht (wie die Supermärkte) so produziert, dass große Mengen an genusstauglichen Waren im Müll landen, weil sie äußeren Formvorgaben nicht entsprechen.

Ich empfehle folgendes Video dazu:

> Video auf Youtube ansehen

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